TEXTGRÖSSE:
Birgit Rupprecht-StroellArbeitslosigkeits-Expertin
Balkonien liegt auf Hawaii!


Die Arbeitslosigkeits-Expertin Birgit Rupprecht-Stroell hat bereits mehrere erfolgreiche Ratgeber geschrieben - darunter der "Job-Knigge" und "Die 100 Gesetze erfolgreicher Karriereplanung". Ihr neues Buch "Nur Fledermäuse lassen sich hängen" ist eine echte Rückenstärkung in Zeiten der Krise. Wir sprachen mit der Autorin über die Chancen der Arbeitslosigkeit und ihr aktuelles Mutmacher-Buch.


Jörg Steinleitner:  Frau Rupprecht-Stroell, im Untertitel Ihres Buches steht eine provokante These: Arbeitslosigkeit sei eine Chance. Wie das?

Birgit Rupprecht-Stroell:  Man hat die Möglichkeit, die Weichen neu zu stellen und sich von einem vielleicht ungeliebten Job endgültig zu verabschieden. Ein Persönlichkeitsprofil hilft Stärken, Begabungen und verdrängte Wünsche sichtbar zu machen und neue Ziele festzulegen. Die Zukunft gehört dem, der unterschiedliche Fachbereiche miteinander verknüpft. Für solche Experten gibt es Nischen in vielen Bereichen.

Jörg Steinleitner:  Und wenn einem die Angst vor der Arbeitslosigkeit nachts den Schlaf raubt?

Birgit Rupprecht-Stroell:  Man muss die Angst konkretisieren, dann kann man sich ihr stellen. Wir haben die Freiheit der Entscheidung: Wenn wir uns nicht verrückt machen lassen von dem, was uns jetzt fehlt, sondern uns das bewusst machen, was wir haben, gewinnen wir Kontrolle über die Angst.

Jörg Steinleitner:  Vielen Menschen ist es peinlich arbeitslos zu werden ...

Birgit Rupprecht-Stroell:  ... dabei gibt es dafür keinen Grund. Früher war das doch genauso mit den Scheidungen – man hat sich nicht getraut, darüber zu sprechen. Wer selbstsicher auftritt, trägt dazu bei, dass Arbeitslosigkeit nicht mehr als persönliches Versagen betrachtet wird. Wir haben nur einen Job verloren – nicht unsere Kompetenz! Wir sollten uns lieber mit unserer Persönlichkeit identifizieren und nicht allein über eine Position.

Jörg Steinleitner:  Wie füllt man die viele leere Zeit?

Birgit Rupprecht-Stroell:  Man muss sich die Zeit zum Freund machen. Endlich einmal das tun können, was man schon immer wollte: Malen, joggen, meditieren... Das sollte man richtig genießen - ohne schlechtes Gewissen. Sinnvoll kann man die Zeit mit Weiterbildung, Spezialisierung nutzen – davon profitiert man immer. Und dann ist die Jobsuche für den, der es ernst meint, ein Fulltime-Job mit einer Fünftage-Woche! Egal, wofür man sich entscheidet – eine Struktur muss sein. Man darf nicht einfach in den Tag hineinleben.

Jörg Steinleitner:  Als Arbeitsloser hat man weniger Geld ...

Birgit Rupprecht-Stroell:  Ja, auch da hilft eine Analyse: Was brauche ich wirklich? Wo kann ich Kosten reduzieren? Auch muss man Gewohnheiten aufgeben, zum Beispiel mehr mit dem Rad und weniger mit dem Auto fahren, das Rauchen aufgeben. Man kann preiswerter einkaufen und vieles selbst machen, wie kleinere Reparaturen, Wohnungsrenovierung. Statt auf Hawaii verbringt man den Urlaub auf Balkonien und lernt seine Heimatstadt mal richtig kennen.

Jörg Steinleitner:  Sie erzählen in Nur Fledermäuse lassen sich hängen die "Vom Tellerwäscher zum Millionär"-Geschichte etwas anders – vom Rechtsanwalt zum Supermarktkassierer zum Filialleiter. Was sagt sie uns?

Birgit Rupprecht-Stroell:  Dass ein vermeintlicher "Abstieg" nicht immer ins berufliche Abseits führen muss. Dazu gehört, alte Karrierepläne loszulassen und flexibel auf die neue Situation zu reagieren. Auch hier liegen Chancen. Es schadet nicht, auch einmal eine etwas niedrigere Arbeit anzunehmen. Daraus kann sich unerwartet etwas Positives entwickeln. Ich finde es besser, mich selbst zu ernähren, notfalls mit einer Arbeit, die nicht meiner Qualifikation entspricht, als mich hängen zu lassen.

Jörg Steinleitner:  Frau Rupprecht-Stroell, vielen Dank für das Gespräch!



Das Interview wurde abgedruckt in Profits 2004.

ZURÜCK     |      Mehr Infos zu Jörg Steinleitner auf www.steinleitner.com     |